Der Fork: Fluch oder Segen?
Das F-Wort ist in der Open-Source-Szene zu einem fast schon mythischen Begriff geworden. So werden selbst hartgesottene Open-Source-Entwickler nervös, wenn ihrem Lieblingsprojekt ein Fork auch nur angedroht wird. Entwickler, die mit einem Projekt nicht mehr klarkommen, sehen dagegen in einem Fork den goldenen Weg in eine problemfreie Zukunft.
Was genau ist ein Fork? Ein Fork ist eine Abspaltung in der Software-Entwicklung, indem der vorhandene Quellcode unabhängig vom bestehenden Projekt weiterentwickelt wird. Genauer wird der Begriff Fork im deutschsprachigen Wikipedia und noch etwas ausführlicher im englischsprachigen Wikipedia erklärt.
Ein Fork ist nur in der Open-Source-Welt möglich, weil nur in diesem Fall jedermann über das, was bisher geleistet wurde, verfügen und dieses selbst weiterentwickeln darf. Doch ist ein Fork wirklich so dramatisch für ein Open-Source-Projekt? Es kommt auf die Perspektive an! Aus Sicht der ursprünglichen Entwickler sicherlich, denn die Entwicklungsressourcen der Community werden künftig auf zwei statt ein Projekt aufgeteilt, was das ursprüngliche Projekt natürlich schwächt.
Für die Nutzer einer Open-Source-Software kann ein Fork dagegen ein Segen sein, wenn beispielsweise die Weiterentwicklung der Software ins Stocken geraten ist oder das ursprüngliche Team neue Versionen nur noch als kommerzielle Software veröffentlichen möchte. Die Erfahrung zeigt, dass in solchen Situationen bereits das öffentliche Diskutieren eines Forks innerhalb der Community dazu führen kann, dass die Core-Entwickler, die bislang das Projekt dominiert haben, mehr Kooperationsbereitschaft und Entgegenkommen zeigen.
Übrigens geschieht ein Fork gar nicht so selten. Hier einige Beispiele für erfolgreiche Forks bei populären Open-Source-Projekten:
- Nachdem Ende der 90er Jahre die Weiterentwicklung der GNU Compiler Collection gcc durch die FSF stockte, führte ein Teil der Community diese als EGCS (Experimental/Enhanced GNU Compiler System) fort, was die FSF schließlich derart überzeugte, dass sie diese Version zur offiziellen Version des gcc-Projektes erklärte und damit für eine Wiedervereinigung mit dem ursprünglichen Projekt sorgte.
- Als vor zwei Jahren das australische Unternehmen Miro, das hinter der CMS-Software Mambo steht und auch dessen Namensrechte hält, die Projektorganisation und -steuerung ändern wollte, formte sich ein neues, größtenteils aus Europäern bestehendes Entwicklungsteam und es entstand mit Joomla ein Fork, der mittlerweile mehr Dynamik zeigt, als das ursprüngliche Projekt. Ein deutliches Indiz dafür: Mambo-Bücher werden in ihren Neuauflagen in Joomla-Titel umbenannt.
- Das US-basierte Open-Source-Projekt SugarCRM wurde bereits zweimal geforkt: das erste Mal schon zur SugarCRM-Version 1.0 von einem indischen Entwicklerteam (vTiger), und das zweite Mal letztes Jahr von einem Microsoft-Partner, der den Code komplett auf einen Microsoft-Stack (statt LAMP) portiert hat (SplendidCRM).
- Auch das ERP-Projekt Compiere - übrigens ein ursprünglich deutsches Projekt des Oracle-Veteranen Jörg Janke - wurde bereits zweimal erfolgreich geforkt: Vor sechs Jahren von einem spanischen Entwicklerteam unter den Namen Tecnicia, das inzwischen als Openbravo bekannt ist, und letztes Jahr von einem weltweit verteilten Team aus frustrierten Community-Mitgliedern, nachdem Compiere einige Millionen Venture Capital erhalten und in diesem Zuge seine Prioritäten geändert hatte (Adempiere).
Sollte Ihrem Open-Source-Projekt ein Fork widerfahren, so hadern Sie nicht zu lange mit Ihrem Schicksal, sondern konzentrieren Sie sich besser auf die Zukunft und den neuen Mitbewerb - Sie befinden sich schließlich in bester Gesellschaft! Und wie das erste Beispiel zeigt, kann ein Fork unter Umständen sogar langfristig die Bedeutung Ihres Projektes stärken. (Martin Aschoff, Open Source Inside)
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